Dienstag, 9. September 2014

Kastalia: auch die Melancholie spielt eine Rolle

Albrecht Dürer: Melencolia I, 1514 Kupferstich, 240 x 188 mm
Zu den vielen Spuren, die wir im Rahmen unserer Untersuchungen zur Kastalia verfolgt haben, gehört natürlich auch die Melancholie. Marcks kannte den berühmten Kupferstich von Albrecht Dürer, aber wir haben die Spur verworfen, da das Sitzmotiv so völlig anders ist. In der letzten Führung durch die Ausstellung wies ein Besucher auf eine ganz andere Spur in Richtung Melancholie. Im ersten Spruch von Walther von der Vogelweides „Reichston“ (zwischen 1198 und 1201) heißt es:

Ich saz ûf eime steine,
und dahte bein mit beine;
dar ûf satzt ich den ellenbogen;
ich hete in mîne hant gesmogen
daz kinne und ein mîn wange.

Jedes deutsche Kind mit humanistischer Bildung kannte diese Strophe, woraus sich weitere Möglichkeiten der Interpretation ergeben. Es zeigt übrigens auch wie wichtig unsere offenen Vermittlungsformate sind. Wir lernen viel von unseren Besuchern. 

Freitag, 29. August 2014

Mnemosyne: Zur Bildtradition

Johann Ulrich Krauß (1655-1719): Als Hirt verkleidet täuscht Jupiter die Mnemosyne (aus Ovid Metamorphosen, Edition 1690). 
Wer die Spur der Mnemosyne in der Kunstgeschichte verfolgt, findet ab dem späten 17. Jahrhundert das Motiv der sitzenden Frau mit der Hand unter dem Kinn. Es ist nicht unwahrscheinlich - aber da bin ich kein Fachmann - dass das mit dem Auftauchen der beiden Figuren in der Sammlung des Kardinal Mazarin (1602-1661) zu tun hat.

Montag, 25. August 2014

Kastalia ist auch Mnemosyne!

Sogenannte "Agrippine Mazarin", auch "Mnemosyne" genannt. Marmor, 1. oder 2. Jahrhundert nach Christus. Sammlung Louvre, heute im Musée national du palais de Compiègne

Noch eine "Agrippine Mazarin", auch "Mnemosyne" genannt. Marmor, 1. oder 2. Jahrhundert nach Christus. Sammlung Louvre, ebenfalls heute im Musée national du palais de Compiègne

Nr. 2.

Als ich in Compiègne die Ausstellung von Albert Ernest Carrier-Belleuse (1824-1887), dem Lehrer Rodins besuchte, traf ich im Palais de Compiègne auf eine Verwandte der Kastalia. Zwei sogenannte Darstellungen der Agrippina, die aus dem Louvre stammen. Interessant ist vor allem, dass die Figur lange Zeit als Darstellung der Mnemosyne galt, der Erinnerung. Um 1930 wird Mnemosyne, die Mutter der Musen, eine zentrale Gestalt im Nachdenken von Marcks. Kastalia ist dann eine Figur, in der sich noch mehr Spuren verdichten als wir schon dachten.

Die Archäologin Luise Seemann wies mich darauf hin, dass es sich bei diesen Skulpturen wahrscheinlich um Grabstatuen (mit möglich späteren Köpfen) handelt. Ich vermute - kann aber noch nicht beweisen -, dass Marcks diese Figuren und die Interpretation als Mnemosynen kannte. Wichtig ist Luise Seemanns Frage, warum Marcks seine Figur dann Kastalia und nicht Mnemosyne nannte. Meine Vermutung ist, dass er - wie auch bei anderen Figuren - versucht, Bildformeln und ikonographische Muster zu verbinden. Zur Bedeutung der Mnemosyne demnächst mehr.

 


Dienstag, 12. August 2014


Die Ausstellung steht und das Heft in der Reihe Patrimonia ist erschienen (10 Euro im Museum), aber das heißt nicht, dass die Forschung fertig ist. An der Wand im Museum kleben inzwischen neue Zettel, die interessante neue Spuren aufzeigen. Und: Im Urlaub in Frankreich habe ich ein weiteres Vorbild für die Figur gefunden.  

Donnerstag, 24. Juli 2014

Aus der Zeichnungssammlung

Gerhard Marcks: Skizze, um 1920, Bleistift, 116 x 46 mm. 
Einige Zeichnungen, die um 1920 entstanden sind, beweisen, dass Gerhard Marcks sich in seiner sogenannten expressionistischen Phase nicht nur mit Abstraktion und Grundformen, sondern auch mit dem Querschnitt beschäftigte. Wir können in unserer Sammlung sehr schön aufzeigen, dass Marcks zentrales Interesse am Bauhaus die plastische Grundform war. Der Bildhauer definierte sein Medium als eine Kunst des Zusammenspiels von Masse und Raum, von Kuben und Kegeln, wobei er den Schritt zur reinen Abstraktion – darin von Lyonel Feininger gestärkt – nie machte. Also nicht Grundform gegen Natur sondern Grundform und Natur zusammen.


Dienstag, 15. Juli 2014

Die Augen der Kastalia

Kastalia, 1931 (Detail)

Kastalia, 1932/33 (Detail)
Die beiden Fassungen sind nicht nur in den Details, sondern auch in der Komposition sehr unterschiedlich. Bemerkenswert ist auch die Bildidee der Augen im Gips (oben), die von Betrachtern aber nicht als unnatürlich erfahren wird.

Donnerstag, 19. Juni 2014

Suchen Sie die Unterschiede?

Gerhard Marcks: Kastalia, 1930
Gips, Angermuseum Erfurt
In der Ausstellung "Kastalia. Quellnymphe für Anfänger und Fortgeschrittene" stehen sich ein Gipsguss aus dem Angermuseum Erfurt und die 1931-32 angefertigte Steinskulptur gegenüber. Es gibt sowohl in den Details wie auch in der allgemeinen Komposition der Figur viel stärkere Unterschiede als wir je dachten.