Montag, 20. April 2026

Keine Daphne! (Eine Marginalie zu Wilhelm Lehmbruck)

In einem Vortrag "(k)ein deutscher Bildhauer" aus Anlass der sehenswerten Ausstellung "Wilhelm Lehmbruck – Ewig Menschlich" in der Moritzburg in Halle habe ich vorige Woche auf die besondere Geschichte von Lehmbrucks späten Torso hingewiesen. Dabei ging es auch um die Notwendigkeit, alle Quellen zu überprüfen.  

Aus: August Hoff: Wilhelm Lehmbruck (Junge Kunst Bd. 61/62), Berlin 1933

Paul Westheim führte das Werk 1919 als "Fragment. Weiblicher Torso (Unvollendet)" auf und datierte es 1917/18 (Westheim 1919, S. 61, 64). Dietrich Schubert datierte es in seinem Werkverzeichnis von 2001 (Schubert 2001, S. 320, No. 97), 1918, und gab ihm den Titel „Weiblicher Torso – Daphne“. 

Die Bezeichnung „Daphne“ geht auf Wilhelm Weber (Weber 1981) zurück, der den Vorschlag machte, die Figur, ihre Bewegung und die an „Borken“ und “Verholzung” erinnernde Modellierung als Darstellung einer Daphne zu interpretieren. Schubert folgte dieser Interpretation und aus dem unfertigen Werk wurde eine Darstellung der vor dem Künstler fliehenden Geliebten.    

Die Interpretation als "Daphne" basiert auf dem Steinguss aus der Sammlung des Wilhelm-Lehmbruck-Museums in Duisburg, der sich dort seit 1933 befindet (Bild oben). Dabei hatte Schubert 1981 (Schubert 1981, S. 246, Anm. 414) schon darauf hingewiesen, dass es sich bei den Steingüssen „durchgehend um Nachgüsse nach Lehmbrucks Tod“ handelte. Was er übersehen hatte, war, dass all diese Nachgüsse posthume Varianten waren. Das gilt auch für die Bronzeexemplare, wie das im Museum Pfalzgalerie Kaiserslautern. 

Aus: Paul Westheim: Wilhelm Lehmbruck, Berlin 1919

Westheim präsentierte 1919 ein Foto von einem Gipstorso auf einem Kantholz. Der rechte Oberschenkel ist hier noch intakt und also konnte der gesamte Torso auf dem Holzblock stehen. Das Foto zeigt einen Torso auf einem Kantholz auf einem (schmaleren) Sockel. 

Die Fassung von 1919 und die von 1933
 

Gegossen wurde etwas anderes: Ein Teil des rechten Oberschenkels fehlt. Die Figur steht nicht mehr und wurde also - posthum - mit einer Plinthe verbunden, eine Montage, für die es keinerlei Quellen gibt. Jetzt scheint die Figur zu schweben. Die von den Interpreten in Richtung von “Daphne” gedeutete Figur ist eine posthume Erfindung, die weder formal noch inhaltlich viel mit Wilhelm Lehmbruck zu tun hat.   


Es ist viel wahrscheinlicher, dass Westheim recht hatte und die Figur als unfertiges Fragment im Atelier gefunden wurde. Daraus wurde dann nach dem Tod des Künstlers etwas gefertigt, das im nächsten Schritt als "Daphne" interpretiert wurde.

Erwähnte Literatur:

Dietrich Schubert: Die Kunst Lehmbrucks, Worms 1981 (2e Auflage Dresden 1990)  

Dietrich Schubert: Wilhelm Lehmbruck. Catalogue raisonné der Skulpturen 1898-1919, Worms 2001 

Wilhelm Weber: “Wolle die Wandlung...” zur “Daphne” von Wilhelm Lehmbruck, in: Wilhelm Lehmbruck, Ausst. Kat. Heilbronn 1981, S. 66-68

Paul Westheim: Wilhelm Lehmbruck, Berlin 1919



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