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Mittwoch, 7. Februar 2024

Das Bauhaus, das keiner will (4/5) Unser Exemplar

1926 änderte Marcks seinen Stil. Bis dahin hatte er formale Probleme erforscht, nun versuchte er die gewonnenen Erkenntnisse mit dem Naturvorbild zu verbinden. Er distanzierte sich von seinen frühen Arbeiten. Umso bemerkenswerter ist es, dass Alfred Barr, der Gründungsdirektor des Museum of Modern Art, der Marcks 1930 besuchte, neben der »Maske Maria« und drei anderen neueren Arbeiten die »Läufergruppe« für die aufsehenerregende Ausstellung von deutscher Kunst 1931 in New York aussuchte. Da das Werk im Katalog »Runner« heißt und nicht »Runners«, war lange Zeit undeutlich, um welches Werk es genau ging.


 

Barr präsentierte Marcks als einen unbekannten, aber wichtigen Bildhauer aus Deutschland, dessen Werk »sich nicht um Popularität schere«. 1931 wurde das Werk direkt aus der Ausstellung von Israel B. Neumann erworben, einem deutschen Kunsthändler, der seit 1924 in New York lebte. Er verkaufte das Werk im Juni 1931 an Abby Aldrich Rockefeller, der wichtigsten Mäzenatin des MoMA. 1939 schenkte sie das Werk zusammen mit 35 anderen Skulpturen dem Museum. Während in Deutschland Werke von Marcks als »entartet« aus den Museen entfernt wurden, wurde dieses frühe Werk in die damals wichtigste Sammlung moderner europäischer Bildhauerei in den USA aufgenommen.

 

Nach heutigem Kenntnisstand existieren zwei Exemplare der Figur in Bronze und eine in Messing. Dieses »New Yorker« Exemplar ist dasjenige, das am deutlichsten vom Künstler überarbeitet wurde. Nachdem das MoMA sich von ihm trennte, konnten wir es mit der Hilfe von vielen Unterstützer*innen erwerben. 

Montag, 23. November 2020

Das Bauhaus, das keiner will (2/5) 

Marcks, das Bauhaus und die Bildhauerei

Gerhard Marcks kam 1919 als einer der ersten Lehrer an das Bauhaus. Er sollte die Werkstatt für architekturbezogene Keramik aufbauen, aber die Idee des modernen Gebäudes als Gesamtkunstwerk wurde schon bald verlassen. Im Herbst 1920 wurde die Bauhaustöpferei in Dornburg gegründet, die Marcks bis Anfang 1925 leiten sollte. Danach wechselte er an die Kunstgewerbeschule Burg Giebichenstein in Halle a.d. Saale.

Das frühe Bauhaus verband die Idee einer Kunstakademie mit der einer Kunstgewerbeschule und sah das Erlernen eines Handwerks als die notwendige Basis. Die zweite Grundlage war die Erforschung der (stereometrischen) Grundformen und der künstlerischen Bildmittel. Für die Maler waren das Linie, Farbe, Fläche und Rhythmus. Für Marcks als Bildhauer waren es vor allem plastische Kontraste. Seine frühen Figuren sind ein Labor der Formexperimente. 

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 Das Relief »Frau mit Säugling« von 1919 ist bis auf eine Ausnahme nur aus konvexen Formen aufgebaut, »Mann und Frau« von 1921/23 erforscht die Wirkung von geraden Winkeln in Ansicht und Querschnitt. Jede Figur aus der Bauhauszeit erweist sich als Untersuchung eines spezifischen bildhauerischen Problems.

Gerhard Marcks: Mann und Frau 1921/23


 

Montag, 11. Mai 2020

Zirkus, Zirkus! (4)


Gerhard Marcks: Akrobaten, 1947, Bronze
Foto: Archiv Gerhard-Marcks-Haus, Bremen
Die Plastik, mit der sich Gerhard Marcks erstmalig in seinem bildhauerischen Werk dem Zirkus-Kosmos nähert, ist die »Akrobaten«-Gruppe von 1947 (WV 500). Die Darstellung einer Akrobatin, die auf den Schultern eines anderen Akrobaten steht, geht auf Gerhard Marcks’ Besuch des St. Pauli-Zirkus in Hamburg zurück.








 Knapp fünfzehn Jahre später beschäftigt er sich noch einmal mit dieser Thematik und modelliert einen »Russischen Akrobaten« (1961, WV 770, Inv. Nr. 310/85), der vermutlich sogar auf den gleichen Zirkusbesuch zurückzuführen ist. Während Marcks sich bei der Darstellung der zwei Akrobaten auf einen geometrischen Figurenaufbau mit ruhigen Formen und strukturierten innerfigürlichen Räumen (die freien Flächen zwischen den Beinen und den angewinkelten Armen bilden äquivalent zum Gesamtaufbau der Gruppe Dreiecke) konzentrierte, ist für den »Russischen Akrobaten« der Muskelaufbau und damit verbunden ein unruhiger Figurenumriss interessant. Es kommt Marcks darauf an, die austrainierten Muskeln des Akrobaten zu inszenieren: Schaut man auf die Oberarme und -schenkel wird deutlich, dass sie im Vergleich zu den unteren (durchschnittlich entwickelten) Gliedmaßen unnatürlich ausgeprägt sind. Durch diesen Gegensatz hebt Marcks sein künstlerisches Interesse für den anatomischen Aufbau des Artisten-Körpers deutlich hervor. 



Gerhard Marcks: Russischer Akrobat, 1961, Bronze (Inv. Nr. 310/85)

Spannend ist, dass Marcks die Muskulatur durch eine unruhige, unregelmäßige Figurenoberfläche sowie durch den bewegten Umriss der Plastik betont und ihr sogar während des Modellierprozesses in aller (ungewohnten) Deutlichkeit die Bauchmuskeln einritzt. Ebenfalls recht untypisch für Marcks’ Plastiken ist die ausladende Geste des rechten Arms: Der Artist streckt den Arm im rechten Winkel vom Körper und präsentiert so das Profil seiner Muskulatur. Neben diesen Muskeln ist auch die Nackenmuskulatur zu einem deutlichen, großen Dreieck ausgebildet. Der darauf sitzende Kopf wirkt dagegen proportional zu klein. Auch ohne den Titel der Arbeit zu kennen, kann man durch das reine Schauen auf das Sujet schließen, denn neben den Muskeln zeichnet sich der Akrobat durch eine übergrade Körperhaltung aus und scheint sich nach einem geglückten Sprung oder einer komplizierten Figur dem Publikum zu präsentieren. Allerdings fehlen bei ihm – wie im übrigen auch bei den Zirkusreitern von Priska von Martin – begleitende Element des Zirkusalltags. Daraus lässt sich folgern, dass Marcks nicht etwa eine Zirkusszene zeigen wollte, sondern ihn der »Typ Mensch«, den er in diesem Fall im Zirkus entdeckt hatte, interessiert.
Gerhard Marcks:Akrobatengruppe und Kühe,
Ende 1940er-Jahre, Bleistift auf Papier
(Inv. Nr. D2073)
Der Ort »Zirkus« muss für den Bildhauer eine Chance für die Erweiterung seiner Motive gewesen sein: Im Normalfall zeichnete Gerhard Marcks Modellstudien nach seiner Frau, seinen Kinder und Menschen aus seinem direkten Umfeld. Es ist unwahrscheinlich, dass er unter ihnen jemanden fand, der ähnlich muskulös war oder akrobatisches Talent besaß. Der beste Beweis ist, dass sich keine weiteren Darstellungen dieser Art in seinem plastischen Œuvre finden.

Im druckgrafischen Werk jedoch finden sich weitere Darstellungen von Zirkusmomenten, die zum Teil auch Manegen und den Zirkus an sich abbilden.

Fortsetzung folgt.