In einem Vortrag aus Anlass der sehenswerten Ausstellung „Wilhelm Lehmbruck – Ewig Menschlich“ in der Moritzburg in Halle habe ich vorige Woche auf die besondere Geschichte von Lehmbrucks späten Torso hingewiesen. Dabei ging es auch um die Notwendigkeit, alle Quellen zu überprüfen.
Paul Westheim führte das Werk 1919 als „Fragment. Weiblicher Torso (Unvollendet)“ auf und datierte es 1917/18 (Westheim 1919, S. 61, 64). Dietrich Schubert datiert es in seinem Werkverzeichnis von 2001 (Schubert 2001, S. 320, No. 97), 1918, und gibt ihm den Titel „Weiblicher Torso – Daphne“. Die Bezeichnung „Daphne“ geht auf Wilhelm Weber (Weber 1981) zurück, der den Vorschlag machte, die Figur, ihre Bewegung und die an „Borken“ und “Verholzung” erinnernde Modellierung als Darstellung einer Daphne zu interpretieren. Schubert folgte dieser Interpretation und aus dem unfertigen Werk wurde eine Darstellung der vor dem Künstler fliehenden Geliebten.
Die Interpretation als “Daphne” basiert auf dem Steinguss aus der Sammlung des Wilhelm-Lehmbruck-Museums in Duisburg, der sich dort seit 1933 befindet (Bild oben). Dabei hatte Schubert 1981 (Schubert 1981, S. 246, Anm. 414) schon darauf hingewiesen, dass es sich bei den Steingüssen „durchgehend um Nachgüsse nach Lehmbrucks Tod“ handelte. Was er übersehen hatte, war, dass all diese Nachgüsse posthume Varianten waren.
Westheim präsentierte 1919 ein Foto von einem Gipstorso auf einem Holzklotz. Der rechte Oberschenkel ist hier noch intakt und also konnte der gesamte Torso auf dem Holzstück stehen.
Es ist viel wahrscheinlicher, dass Westheim recht hatte und die Figur als unfertiges Fragment im Atelier gefunden wurde. Daraus wurde dann nach dem Tod des Künstlers etwas gefertigt, das als "Daphne" interpretiert werden konnte.
Erwähnte Literatur:
Dietrich Schubert: Die Kunst Lehmbrucks, Worms 1981 (2e Auflage Dresden 1990)
Dietrich Schubert: Wilhelm Lehmbruck. Catalogue raisonné der Skulpturen 1898-1919, Worms 2001
Wilhelm Weber: “Wolle die Wandlung...” zur “Daphne” von Wilhelm Lehmbruck, in: Wilhelm Lehmbruck, Ausst. Kat. Heilbronn 1981, S. 66-68
Paul Westheim: Wilhelm Lehmbruck, Berlin 1919, S. 61, 64









