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Freitag, 5. Februar 2021

»der schönste Rembrandt, den ich gesehen habe!«




Dass Gerhard Marcks ein richtiger Rembrandt-Fan war, wird (spätestens) jedem klar, der einmal einen Blick auf MarcksBibliothek geworfen hat, die in großen Teilen heute im Gerhard-Marcks-Haus bewahrt wird. Mehr Bücher als über Rembrandt besaß der Bildhauer nur über Ernst Barlach und Auguste Rodin.

 

Neben einer Mappe mit Reproduktionen des niederländischen Meisters, die Marcks 1913 geschenkt bekam, sticht aus seinem Konvolut an Rembrandt-Monografien und Ausstellungskatalogen vor allem eine »Liebhaberausgabe« heraus: die 1924 erschienene Künstlermonografie von Hermann Knackfuß. Vermutlich war dieses Buch ebenfalls ein Geschenk, denn auf dem Buchvorsatz hält Marcks neben seinem Namen auch »Weihnachten 1932« fest. Notizen dieser Art sind in den Marckschen Büchern keine Seltenheit (und für seine Erforscher oft wichtige Informationsquellen).

Ungewöhnlich ist dagegen, was es auf der Innenseite des Rückdeckels zu entdecken gibt: Eine grobe Kompositionsstudie, deren Zeichenduktus eine Datierung auf die 1950er-Jahre wahrscheinlich macht. 

 

Acht schemenhafte Figuren sitzen vor einem dunklen Hintergrund an einer Tafel. Die Deutlichste der Figuren sitzt an der linken Ecke des langen Tischs und erinnert mehr an einen Ziegenbock oder Faun als an einen Mann. Trotz der Abstraktion erkennt der Kenner schnell eines der Hauptwerke des späten Rembrandts: »Die Verschwörung des Claudius Civilis« von 1661/62. Das Original befindet sich heute in der Königlichen Schwedischen Akademie der Schönen Künste in Stockholm. Dort hat es Marcks 1954 während einer Schweden-Reise gesehen. Zurück in Köln schreibt er an seinen Freund Richard Scheibe: »In Stockholm stand ich ehrlich ergriffen vor dem ‚Claudius Civilis‘, den er nach der Ablehnung durch den Magistrat für sich umgemalt hat – der schönste Rembrandt, den ich gesehen habe! Haß und Wut hat ihn nicht bedrückt.«

Wie kam aber nun die kleine Zeichnung in das Buch? Wir wissen es nicht. Aber es ist wahrscheinlich, dass Gerhard Marcks das Buch in Vorbereitung auf seine Reise bewusst (noch einmal?) las. Ähnlich wahrscheinlich ist es, dass er das Buch als Reiselektüre mitnahm. Rein spekulativ (aber nicht unmöglich) ist die Vorstellung, dass er das Buch mit in die Stockholmer Ausstellung nahm. Spätestens dort wird ihm aufgefallen sein, dass dieses für das Rembrandtsche Œuvre so wichtige Werk* von Hermann Knackfuß nicht beachtet und nicht abgebildet worden ist.
Spekulieren wir weiter: Getreu dem Motto »Wo ein Bildhauer ist, ist auch ein Bleistift« könnte Gerhard Marcks noch während des Museumsbesuchs die Kompositionsskizze in seinem Buch festgehalten haben. Er könnte.

Der Skizze selbst ist anzusehen, dass sie keine zeichnerische Reproduktion des Bildes sein sollte. Gerhard Marcks wäre sonst expliziter auf das Vorbild eingegangen, hätte Details hervorgehoben und Farbflächen deutlicher mit Schattierungen herausgearbeitet. Außerdem hätte er sich nicht den kleinen Scherz erlaubt die Hauptfigur des Claudius Civilis als Bock darzustellen.

Nahezu sicher ist aber, dass Gerhard Marcks das Fehlen des Gemäldes in einem seiner Lieblingsbücher auffiel und er mit der Zeichnung das Buch um den für ihn »schönsten Rembrandt« ergänzte.

 

 

* Das Ölgemälde nimmt im Œuvre Rembrandts nicht nur wegen seiner Historie als wichtige und später abgelehnte Auftragsarbeit eine Sonderposition ein, sondern auch wegen seiner Lichteffekte und der Farbigkeit. Außerdem hatte das Bild ursprünglich das größte Format in Rembrandts Gesamtwerk. Nach der von Marcks erwähnten Ablehnung wurde es vom Künstler auf ein Maß von 196 x 309 cm verkleinert.

Montag, 23. November 2020

Das Bauhaus, das keiner will (2/5) 

Marcks, das Bauhaus und die Bildhauerei

Gerhard Marcks kam 1919 als einer der ersten Lehrer an das Bauhaus. Er sollte die Werkstatt für architekturbezogene Keramik aufbauen, aber die Idee des modernen Gebäudes als Gesamtkunstwerk wurde schon bald verlassen. Im Herbst 1920 wurde die Bauhaustöpferei in Dornburg gegründet, die Marcks bis Anfang 1925 leiten sollte. Danach wechselte er an die Kunstgewerbeschule Burg Giebichenstein in Halle a.d. Saale.

Das frühe Bauhaus verband die Idee einer Kunstakademie mit der einer Kunstgewerbeschule und sah das Erlernen eines Handwerks als die notwendige Basis. Die zweite Grundlage war die Erforschung der (stereometrischen) Grundformen und der künstlerischen Bildmittel. Für die Maler waren das Linie, Farbe, Fläche und Rhythmus. Für Marcks als Bildhauer waren es vor allem plastische Kontraste. Seine frühen Figuren sind ein Labor der Formexperimente. 

Bildunterschrift hinzufügen
 
 Das Relief »Frau mit Säugling« von 1919 ist bis auf eine Ausnahme nur aus konvexen Formen aufgebaut, »Mann und Frau« von 1921/23 erforscht die Wirkung von geraden Winkeln in Ansicht und Querschnitt. Jede Figur aus der Bauhauszeit erweist sich als Untersuchung eines spezifischen bildhauerischen Problems.

Gerhard Marcks: Mann und Frau 1921/23


 

Mittwoch, 18. November 2020

 

Das Bauhaus, das keiner will (1/5)

Gerhard Marcks: Läufergruppe, 1923

Die »Läufergruppe« ist ein Hauptwerk von Gerhard Marcks. Wir konnten das Werk erwerben, weil das Museum of Modern Art (MoMA) in New York es 2019 »entsammelte«. Bremer und Hamburger Bürger haben uns beim Ankauf dieser wichtigen Arbeit unterstützt, wofür wir sehr herzlich danken.

Wir haben die Geschichte der Plastik in einer Ausstellung erzählt und packen sie jetzt auf den Blog.

Die »Läufergruppe« ist eine der wenigen Bronzeplastiken in der Geschichte der Schule. Während seine Kollegen neue, modern aussehende Materialien erforschten, griff Marcks bewusst auf das altehrwürdige Bildhauermaterial zurück, genauso wie er die Technik des Holzschnittes reanimierte. Das passt nicht zu den heute vorherrschenden Vorstellungen vom Bauhaus als Hochburg des modernen Designs. Dass das MoMA sich im Jubiläumsjahr dazu entschied, das Werk zu verkaufen, ist in diesem Zusammenhang bezeichnend.

Mittwoch, 13. Mai 2020

Vorhang auf für die Grafik! (5)


Detail: Gerhard Marcks: Zirkus, 1956, Holzschnitt (Probedruck, Inv. Nr. H335/73)


»Scheisse« (Ja, Sie lesen richtig!) notierte Gerhard Marcks 1956 auf seinem Probedruck (Inv. Nr. H335/73) des Holzschnitts »Zirkus« (H 262) und schrieb postwendend an seinen Drucker »Grosser Mist. Aber schicken Sie mir den Stock, ich mache einen bessern.« 

Gerhard Marcks: Zirkus, 1956,
Holzschnitt (Probedruck, Inv. Nr. H335/73)

Es sollte jedoch bei den (in den Augen des Bildhauers) missglückten Probedrucken und Vorzeichnungen bleiben. Was Gerhard Marcks an seinem »Zirkus« nicht gefallen hat, ist heute reine Spekulation. Vermutlich lag es an der großen hellen Fläche, die die Zirkusmanege definiert und dominant von den weißen Pferden ablenkt. 








Sicher ist jedoch, dass der Bildhauer sich von dem Themenkosmos nicht abbringen ließ und sich in der kommenden Zeit noch einem »Jongleur« (1956, H 270) und einer »Zirkusreiterin« (1957, H 294) widmete.


Gerhard Marcks: Jongleur, 1956
(Holzschnitt, Inv. Nr. H168/71)
Gerhard Marcks: Zirkusreiterin, 1957
(Holzschnitt, Inv. Nr. H187/71)

















1969 folgte eine Dame »Im Bärenzwinger« (1969, Linol 13). An diesen Grafiken ist zu erkennen, dass Marcks das Licht innerhalb der Darstellung viel pointierter einsetzt, um die Artisten in Szene zu rücken. Die drei Motive ließ er dann auch in größeren Auflagen drucken.






Gerhard Marcks: Im Bärenzwinger, 1969 (Linolschnitt, Inv. Nr. Linol 242/13)

Fortsetzung folgt.

Montag, 11. Mai 2020

Zirkus, Zirkus! (4)


Gerhard Marcks: Akrobaten, 1947, Bronze
Foto: Archiv Gerhard-Marcks-Haus, Bremen
Die Plastik, mit der sich Gerhard Marcks erstmalig in seinem bildhauerischen Werk dem Zirkus-Kosmos nähert, ist die »Akrobaten«-Gruppe von 1947 (WV 500). Die Darstellung einer Akrobatin, die auf den Schultern eines anderen Akrobaten steht, geht auf Gerhard Marcks’ Besuch des St. Pauli-Zirkus in Hamburg zurück.








 Knapp fünfzehn Jahre später beschäftigt er sich noch einmal mit dieser Thematik und modelliert einen »Russischen Akrobaten« (1961, WV 770, Inv. Nr. 310/85), der vermutlich sogar auf den gleichen Zirkusbesuch zurückzuführen ist. Während Marcks sich bei der Darstellung der zwei Akrobaten auf einen geometrischen Figurenaufbau mit ruhigen Formen und strukturierten innerfigürlichen Räumen (die freien Flächen zwischen den Beinen und den angewinkelten Armen bilden äquivalent zum Gesamtaufbau der Gruppe Dreiecke) konzentrierte, ist für den »Russischen Akrobaten« der Muskelaufbau und damit verbunden ein unruhiger Figurenumriss interessant. Es kommt Marcks darauf an, die austrainierten Muskeln des Akrobaten zu inszenieren: Schaut man auf die Oberarme und -schenkel wird deutlich, dass sie im Vergleich zu den unteren (durchschnittlich entwickelten) Gliedmaßen unnatürlich ausgeprägt sind. Durch diesen Gegensatz hebt Marcks sein künstlerisches Interesse für den anatomischen Aufbau des Artisten-Körpers deutlich hervor. 



Gerhard Marcks: Russischer Akrobat, 1961, Bronze (Inv. Nr. 310/85)

Spannend ist, dass Marcks die Muskulatur durch eine unruhige, unregelmäßige Figurenoberfläche sowie durch den bewegten Umriss der Plastik betont und ihr sogar während des Modellierprozesses in aller (ungewohnten) Deutlichkeit die Bauchmuskeln einritzt. Ebenfalls recht untypisch für Marcks’ Plastiken ist die ausladende Geste des rechten Arms: Der Artist streckt den Arm im rechten Winkel vom Körper und präsentiert so das Profil seiner Muskulatur. Neben diesen Muskeln ist auch die Nackenmuskulatur zu einem deutlichen, großen Dreieck ausgebildet. Der darauf sitzende Kopf wirkt dagegen proportional zu klein. Auch ohne den Titel der Arbeit zu kennen, kann man durch das reine Schauen auf das Sujet schließen, denn neben den Muskeln zeichnet sich der Akrobat durch eine übergrade Körperhaltung aus und scheint sich nach einem geglückten Sprung oder einer komplizierten Figur dem Publikum zu präsentieren. Allerdings fehlen bei ihm – wie im übrigen auch bei den Zirkusreitern von Priska von Martin – begleitende Element des Zirkusalltags. Daraus lässt sich folgern, dass Marcks nicht etwa eine Zirkusszene zeigen wollte, sondern ihn der »Typ Mensch«, den er in diesem Fall im Zirkus entdeckt hatte, interessiert.
Gerhard Marcks:Akrobatengruppe und Kühe,
Ende 1940er-Jahre, Bleistift auf Papier
(Inv. Nr. D2073)
Der Ort »Zirkus« muss für den Bildhauer eine Chance für die Erweiterung seiner Motive gewesen sein: Im Normalfall zeichnete Gerhard Marcks Modellstudien nach seiner Frau, seinen Kinder und Menschen aus seinem direkten Umfeld. Es ist unwahrscheinlich, dass er unter ihnen jemanden fand, der ähnlich muskulös war oder akrobatisches Talent besaß. Der beste Beweis ist, dass sich keine weiteren Darstellungen dieser Art in seinem plastischen Œuvre finden.

Im druckgrafischen Werk jedoch finden sich weitere Darstellungen von Zirkusmomenten, die zum Teil auch Manegen und den Zirkus an sich abbilden.

Fortsetzung folgt.