Mittwoch, 13. Mai 2020

Vorhang auf für die Grafik! (5)


Detail: Gerhard Marcks: Zirkus, 1956, Holzschnitt (Probedruck, Inv. Nr. H335/73)


»Scheisse« (Ja, Sie lesen richtig!) notierte Gerhard Marcks 1956 auf seinem Probedruck (Inv. Nr. H335/73) des Holzschnitts »Zirkus« (H 262) und schrieb postwendend an seinen Drucker »Grosser Mist. Aber schicken Sie mir den Stock, ich mache einen bessern.« 

Gerhard Marcks: Zirkus, 1956,
Holzschnitt (Probedruck, Inv. Nr. H335/73)

Es sollte jedoch bei den (in den Augen des Bildhauers) missglückten Probedrucken und Vorzeichnungen bleiben. Was Gerhard Marcks an seinem »Zirkus« nicht gefallen hat, ist heute reine Spekulation. Vermutlich lag es an der großen hellen Fläche, die die Zirkusmanege definiert und dominant von den weißen Pferden ablenkt. 








Sicher ist jedoch, dass der Bildhauer sich von dem Themenkosmos nicht abbringen ließ und sich in der kommenden Zeit noch einem »Jongleur« (1956, H 270) und einer »Zirkusreiterin« (1957, H 294) widmete.


Gerhard Marcks: Jongleur, 1956
(Holzschnitt, Inv. Nr. H168/71)
Gerhard Marcks: Zirkusreiterin, 1957
(Holzschnitt, Inv. Nr. H187/71)

















1969 folgte eine Dame »Im Bärenzwinger« (1969, Linol 13). An diesen Grafiken ist zu erkennen, dass Marcks das Licht innerhalb der Darstellung viel pointierter einsetzt, um die Artisten in Szene zu rücken. Die drei Motive ließ er dann auch in größeren Auflagen drucken.






Gerhard Marcks: Im Bärenzwinger, 1969 (Linolschnitt, Inv. Nr. Linol 242/13)

Fortsetzung folgt.

Montag, 11. Mai 2020

Zirkus, Zirkus! (4)


Gerhard Marcks: Akrobaten, 1947, Bronze
Foto: Archiv Gerhard-Marcks-Haus, Bremen
Die Plastik, mit der sich Gerhard Marcks erstmalig in seinem bildhauerischen Werk dem Zirkus-Kosmos nähert, ist die »Akrobaten«-Gruppe von 1947 (WV 500). Die Darstellung einer Akrobatin, die auf den Schultern eines anderen Akrobaten steht, geht auf Gerhard Marcks’ Besuch des St. Pauli-Zirkus in Hamburg zurück.








 Knapp fünfzehn Jahre später beschäftigt er sich noch einmal mit dieser Thematik und modelliert einen »Russischen Akrobaten« (1961, WV 770, Inv. Nr. 310/85), der vermutlich sogar auf den gleichen Zirkusbesuch zurückzuführen ist. Während Marcks sich bei der Darstellung der zwei Akrobaten auf einen geometrischen Figurenaufbau mit ruhigen Formen und strukturierten innerfigürlichen Räumen (die freien Flächen zwischen den Beinen und den angewinkelten Armen bilden äquivalent zum Gesamtaufbau der Gruppe Dreiecke) konzentrierte, ist für den »Russischen Akrobaten« der Muskelaufbau und damit verbunden ein unruhiger Figurenumriss interessant. Es kommt Marcks darauf an, die austrainierten Muskeln des Akrobaten zu inszenieren: Schaut man auf die Oberarme und -schenkel wird deutlich, dass sie im Vergleich zu den unteren (durchschnittlich entwickelten) Gliedmaßen unnatürlich ausgeprägt sind. Durch diesen Gegensatz hebt Marcks sein künstlerisches Interesse für den anatomischen Aufbau des Artisten-Körpers deutlich hervor. 



Gerhard Marcks: Russischer Akrobat, 1961, Bronze (Inv. Nr. 310/85)

Spannend ist, dass Marcks die Muskulatur durch eine unruhige, unregelmäßige Figurenoberfläche sowie durch den bewegten Umriss der Plastik betont und ihr sogar während des Modellierprozesses in aller (ungewohnten) Deutlichkeit die Bauchmuskeln einritzt. Ebenfalls recht untypisch für Marcks’ Plastiken ist die ausladende Geste des rechten Arms: Der Artist streckt den Arm im rechten Winkel vom Körper und präsentiert so das Profil seiner Muskulatur. Neben diesen Muskeln ist auch die Nackenmuskulatur zu einem deutlichen, großen Dreieck ausgebildet. Der darauf sitzende Kopf wirkt dagegen proportional zu klein. Auch ohne den Titel der Arbeit zu kennen, kann man durch das reine Schauen auf das Sujet schließen, denn neben den Muskeln zeichnet sich der Akrobat durch eine übergrade Körperhaltung aus und scheint sich nach einem geglückten Sprung oder einer komplizierten Figur dem Publikum zu präsentieren. Allerdings fehlen bei ihm – wie im übrigen auch bei den Zirkusreitern von Priska von Martin – begleitende Element des Zirkusalltags. Daraus lässt sich folgern, dass Marcks nicht etwa eine Zirkusszene zeigen wollte, sondern ihn der »Typ Mensch«, den er in diesem Fall im Zirkus entdeckt hatte, interessiert.
Gerhard Marcks:Akrobatengruppe und Kühe,
Ende 1940er-Jahre, Bleistift auf Papier
(Inv. Nr. D2073)
Der Ort »Zirkus« muss für den Bildhauer eine Chance für die Erweiterung seiner Motive gewesen sein: Im Normalfall zeichnete Gerhard Marcks Modellstudien nach seiner Frau, seinen Kinder und Menschen aus seinem direkten Umfeld. Es ist unwahrscheinlich, dass er unter ihnen jemanden fand, der ähnlich muskulös war oder akrobatisches Talent besaß. Der beste Beweis ist, dass sich keine weiteren Darstellungen dieser Art in seinem plastischen Œuvre finden.

Im druckgrafischen Werk jedoch finden sich weitere Darstellungen von Zirkusmomenten, die zum Teil auch Manegen und den Zirkus an sich abbilden.

Fortsetzung folgt.

Dienstag, 5. Mai 2020

Mit Priska von Martin in der Zirkusmanege (3)


Priska von Martin: Zirkusszene, 1954, Bronze
Foto: Museum für neue Kunst, Freiburg | Axel Killian
Wenn auch in verschiedener Intensität lässt sich das Zirkus-Thema sowohl im Œuvre von Priska von Martin, als auch bei Gerhard Marcks finden. Auf den ersten Blick wirken Zirkusdarstellungen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts irgendwie aus der Zeit gefallen. Das Bauchgefühl sagt, dass sie in die Malerei des 19. Jahrhunderts gehören. Warum ist das Thema »Zirkus« für moderne Bildhauer interessant?
Im Falle Priska von Martins ist die Antwort leicht gegeben, auch wenn man für die Erklärung etwas weiter ausholen muss. Sie unterteilte ihr Œuvre selbst in sechs Schaffensphasen. In ihren beiden selbstbetitelten »Mittleren Phasen« beschäftigte sie sich mit der Darstellungen von Tieren (u. a. Rentieren, Pferden) und von Reitern, dabei rückt sie besonders die Zirkusreiter in den Fokus.

Von Martins Interesse an Reitern begründet sich in einer wenig freudvollen Kindheit, deren einzige schöne Momente an den Kontakt zu Pferden und das Reiten bei Verwandten geknüpft sind. Dazu mischt sich in den 1960er-Jahren eine alptraumhafte Vision des »Bloßgestelltwerdens« in einer Zirkusmanege in von Martins Bewusstsein. Mit diesem Hintergrundwissen kommt der Verdacht auf, dass es sich bei Priska von Martins Zirkusdarstellungen um Selbstporträts handeln könnte.
Priska von Martin: Zirkusszene, 1950er-Jahre, Bronze
Foto: Museum für neue Kunst, Freiburg | Axel Killian

Dass es der Bildhauerin nicht um liebliche Reiterinnen und grazile Zirkuspferde geht, macht spätestens die eigenwillige Formensprache der Skulpturen deutlich: Sie sind zum Teil nur fragmentarisch dargestellt und ihre Oberfläche grob modelliert. Ab und an integriert die Bildhauerin stereotypische Details wie Voltigierfiguren oder Federbüschel als Pferdeschmuck um deutlich zu machen, dass es sich um eine Zirkusszene handelt. Ihr ist es also wichtig, sie als genau das zu erkennen und sie nicht für »gewöhnliche« Reiter zu halten. Obwohl das Motiv im Kontext Priska von Martins Arbeiten einen großen persönlichen Bezug hat, finden sich gerade nach Ende des Zweiten Weltkriegs (und dort besonders in den 1950er- und 1960er-Jahren) in vielen Œuvren Darstellungen von Zirkusszenen - so auch bei Gerhard Marcks.

Fortsetzung folgt.

Samstag, 2. Mai 2020

Von Martin meets Marcks (2)

Buchcover | Juliane Roh: Deutsche Bildhauer der Gegenwart (1957)
Priska von Martin (3. Reihe von oben, 1. von links)
und Gerhard Marcks (4. Reihe von oben, 3. von links) 

Priska von Martin (1912-1982) begann sich 1928 mit der Bildhauerei zu beschäftigen: Sie war zuerst in München als Schülerin an der Kunstgewerbeschule, später dann bei Josef Wackerle (1880–1959) an der Akademie der bildenden Künste eingeschrieben. Mit sechsundzwanzig Jahren lernte sie den Bildhauer Toni Stadler (1888–1982) kennen, den sie heiratete und als dessen Schülerin sie heute gilt.

Die Bildhauerin war ab den 1950er-Jahren regelmäßig in Ausstellungen wie der »Großen Kunstausstellung« im Haus der Kunst (München), denen des Deutschen Künstlerbunds und mit Einzelausstellungen in Galerien vertreten.

Über den deutlich älteren Ehemann gibt es eine Verbindung zwischen Priska von Martin und Gerhard Marcks. Marcks und Stadler lernten sich bereits 1909 in Berlin kennen, waren gleichzeitig (1935) als Stipendiaten in der Villa Massimo und gut miteinander bekannt. Wie groß das Interesse der Bildhauerin und Marcks aneinander war, ist bisher unbekannt. In den schriftlichen Nachlässen beider Künstler wurden noch keine Hinweise entdeckt, dass sich von Martin und Marcks mit der Kunst des jeweils anderen auseinander gesetzt hätten beziehungsweise ein Austausch zwischen ihnen stattfand.

Nicht nur durch den verbindenden Stadler kannten sich die beiden: Priska von Martin findet Erwähnung, in zeitgenössischen Publikationen zur »Deutschen Plastik der Gegenwart« der 1950er- und 1960er-Jahre, in denen auch Gerhard Marcks besprochen wird. Im Gegensatz zum männlichen Kollegen variiert ihre Gewichtung allerdings je nach Autor. Dem Bildhauer Waldemar Grzimek (1918-1984) ist von Martin in seinem »Deutsche Bildhauer des zwanzigsten Jahrhunderts« von 1969 lediglich eine (unfreundliche) Randnotiz im Kapitel über ihren Ehemann wert. (Gerhard Marcks ist in diesem Buch mit einem eigenen Kapitel bedacht.) Das die Bildhauerin Wertschätzung erfuhr beweist Juliane Roh: 1957 befragte die Kunsthistorikerin zeitgenössische Bildhauer nach ihrer Arbeitsweise und fasste die Ergebnisse in einem kleinen Buch mit dem Titel »Deutsche Bildhauer der Gegenwart: 16 Künstler in Foto, Schrift und Bild mit 47 Abbildungen« zusammen. Priska von Martin wird gleichwertig in einer Riege genannt mit (u. a.) Gerhard Marcks, Toni Stadler sowie Emy Roeder (1890-1971) und auch Waldemar Grzimek.*

Fortsetzung folgt.



*Wer mehr über die Einbindung der Bildhauerin in die Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts wissen möchte, liest Arie Hartogs Beitrag »’Lebendiges jenseits der Nachahmung’. Priska von Martin und die Geschichte der deutschen Plastik« in Arie Hartog und Christine Litz (Hgs.): Priska von Martin, Köln 2020 (Die Publikation wird vorraussichtlich im Juni 2020 erscheinen).

Mittwoch, 29. April 2020

Am Anfang war der Nachlass (1)


Anfang April sollte im Museum für Neue Kunst in Freiburg eine Retrospektive mit den Arbeiten der Bildhauerin Priska von Martin (1912-1982) eröffnen. Der Ausstellungsbeginn musste nun aus aktuellem Anlass (Corona-Pandemie) auf einen späteren Termin verschoben werden.
Die Grundlage der Ausstellung und des dazu erscheinenden Katalogs ist der künstlerische Teilnachlass, den von Martin dem Freiburger Museum hinterließ. Er besteht nicht nur aus einer Auswahl von Skulpturen und grafischen Arbeiten, sondern auch aus einer umfangreichen Fotosammlung, die von Martins Arbeitsweise, ihr Atelier und die künstlerischen Interessen der Bildhauerin eindrucksvoll dokumentiert. Dieser Nachlass war ausschlaggebend für ein gemeinsames Forschungsprojekt mit dem Museum für Neue Kunst und dem Gerhard-Marcks-Haus. Daher werden wir voraussichtlich 2021 eine Ausstellung mit Kunstwerken der Bildhauerin auch in Bremen zeigen.

Zur Kooperationsausstellung wird eine Publikation erscheinen, die sich auf verschiedenen Weisen dem Œuvre der Bildhauerin nähert und dabei gleichzeitig unbeantwortete Forschungsfragen aufzeigt. Außerdem haben die Arbeiten an einem dynamischen Werksverzeichnis begonnen, das online einsehbar sein wird.
Sollten Sie Skulpturen von Priska von Martin besitzen, oder etwas über ihren Verbleib in privaten Sammlungen wissen, dann nehmen wir Ihre Hinweise gerne unter verhey(at)marcks.de entgegen.

Oft gibt die Beschäftigung mit »neuen« Bildhauern Denkanstöße, sich andere Aspekte im Œuvre unseres »Hauskünstlers« Gerhard Marcks beziehungsweise auch der eigenen Sammlung anzusehen. So ist Priska von Martins häufig umgesetztes Motiv der Zirkusreiterin mein Grund, die Zirkusmomente bei Marcks anzuschauen und dazu unsere Sammlung auch einmal nach anderen Kunstwerken zu diesem Thema zu durchforsten.

Priska von Martin: Schwimmendes Rentier, nach 1955
Foto: Gerhard-Marcks-Haus, Bremen | Rüdiger Lubricht, Worpswede
© SOS-Kinderdorf e.V. als Rechtsnachfolger im Nachlass Priska von Martin 
Fortsetzung folgt.